Nur ein neues Farbband – das kann doch nicht so schwer sein

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IBM Nadeldrucker

Die Zeit wird immer kurzlebiger. Für kaum ein Gerät – das gilt auch für ein älteres Farbband – erhält man heute noch Ersatzteile. Fast alle Konsumgeräte sind so konstruiert, dass sie nicht repariert werden können, und manchmal werden Schwachstellen hinein konstruiert, die den Tod des Gerätes kurz nach Ablauf der Garantie sicherstellen. Es soll schließlich baldmöglichst ein neues Gerät gekauft werden. So ist das folgende Erlebnis eine Erfahrung, die möglicherweise manchem in ähnlicher Weise auch schon passiert ist.

Es war einmal ein Schriftsteller namens Kurt. Er war glücklich und zufrieden. Nein, er war nicht der große Technik-Nerd. Er war bodenständig. Er lebte nicht sehr üppig, aber für seinen Lebensunterhalt reichte sein Einkommen. Hier an der See wurde er inspiriert von Abenteuern, Seefahrern, einsamen Inseln und Piraten, die seine Phantasie beflügelten.

Mit der Zeit des Fortschritts

Lang hatte es gebraucht, bis ein Freund ihn überreden konnte, seine alte mechanische Schreibmaschine gegen einen Computer einzutauschen. Seit dem schrieb er seine Geschichten mit dem Textverarbeitungsprogram «Wordstar». Er kannte alle Punktbefehle und wusste, wie er seinen Text zu gestalten hatte. Er schrieb, veröffentlichte und zog Kinder und Jugendliche in seinen Bann.

Zur vollkommenen Zufriedenheit fehlte nur eine Kleinigkeit

Er benutzte seinen alten PC und alles passte. Denn er verwendete ihn ausschließlich zum Schreiben seiner Texte. Er brauchte nichts Neues. Im Gegenteil: Er sagte, dass er sich mit Internet und solchen Dingen nicht ablenken lassen wolle. Außerdem lächelte er überlegen, wenn einer seiner Bekannten wieder einmal berichtete, dass er sich ein neues Antivierenprogramm zulegen müsse.

Er kannte so etwas nicht. Ein PC, der nicht mit dem Netz in Berührung kam, konnte auch nicht infiziert werden. Und seine Texte schickte er auf Diskette oder ausgedruckt an seinen Verlag. Manchmal waren die Drucke etwas blass. Schon lang hatte er darüber nachgedacht sich ein neues Farbband zu kaufen. Heute war der Tag ein wunderschöner, schön genug, um mit dem Fahrrad in die nächste Stadt zu fahren. Gedacht, getan.

Kurt radelt zum Computergeschäft
Kurt radelt in die Stadt zum Computergeschäft. Bild ©Stefan Weller

Ein Farbband ist doch kein Problem

Er radelte am Strand entlang, erhaschte manche Brise der frischen Seeluft, die er so lange genoss, bis er in verkehrsreichere Gegenden kam und diese Gischt gegen das, was aus den Autos herausströmte, eintauschen musste. Lange dauerte seine Suche nicht. Er betrat das Computergeschäft, legte sein Farbband auf den Tisch und bat um ein Neues.

Kennst du das Teil?

Der Verkäufer sah verwundert auf das vor ihm liegende Teil, hob seinen Blick bis zum Augenkontakt des Kunden und ließ deutlich ein Fragezeichen erkennen, das sich in seinem Gesicht abzeichnete. Kurt zog die Augenbraue hoch, drehte leicht den Kopf und nun war ihm das Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Der Verkäufer blickte wieder auf dieses ihm unbekannte Etwas, das immer noch vor ihm lag und sich auch in der Zwischenzeit nicht verändert hatte, fasste sich und rief: «Emil, komm doch mal!»

Ein älterer Herr kam aus dem hinteren Raum. «Kennst Du das Teil?» Er gab zum Besten, dass es sich hierbei um ein uraltes Farbband handeln würde für einen noch viel älteren Nadeldrucker, der seit mindestens dreißig Jahren nicht mehr hergestellt wird und die Firma schon vor 25 Jahren dicht gemacht hatte.

Ein Farbband für den IBM Nadeldrucker
Ein Relikt aus alten Zeiten: Dieses Farbband für den Nadeldrucker gibt es schon lange nicht mehr. Bild ©Stefan Weller

Und nun?

«Also das Farbband bekommen Sie heute nirgends mehr. Mich wundert überhaupt, dass der Drucker so lange funktioniert hat. Da bleibt nur eins: Sie brauchen einen Neuen. Die sind heute ja so billig, dass wahrscheinlich das Farbband im gleichen Preisbereich liegen würde. Aber das gibt’s ja nicht mehr.» meinte der Verküfer.

Kurt ärgerte es ja schon, dass sein voll funktionsfähiger Nadeldrucker nun quasi zu Elektromüll erklärt wurde. Doch was blieb ihm übrig? Also kaufte er den neuen Drucker, von dem ihm der Verkäufer noch schnell einen Probedruck zeigte. Der sah wirklich gut aus. Deutlich besser, als seine eigenen Ausdrucke mit dem alten Farbband. «Ob man damit auch Durchschläge drucken könnte», fragte er noch. «Nein, das ist heute doch gar nicht mehr erforderlich. Drucken Sie einfach zweimal, dann haben Sie den Durchschlag sogar in bester Qualität.»

Der Verkäufer war auch noch so nett und befestigte den Karton auf dem Gepäckträger des Fahrrades und wünschte eine gute Fahrt und viel Freude mit dem neuen Druckgerät.

Die Rückfahrt verlief in herrlicher Atmosphäre, voll Vorfreude auf seine Neuerwerbung radelte er wieder in seine fast unberührte Landschaft und packte seinen Karton aus. Er wunderte sich, dass in dem Karton noch eine Menge Plastik und Styropor zum Vorschein kam und das eigentliche Gerät doch nun recht klein war. Aber sonst wäre er wohl nicht so einfach gewesen, der Transport auf dem Fahrradgepäckträger.

Neu, passt aber nicht

Ausgepackt und auf den Schreibtisch gestellt. Der Stecker an seinem Kabel passte nicht in den Drucker, das mitgelieferte Kabel nicht in seinen Computer. Der eine Stecker war breit und der mitgelieferte ganz klein und schnuckelig. Also rief er bei dem Computerhändler an, dessen Telefonnummer auf der Rechnung stand.

«Mein Kabel passt nicht an den Drucker und das Druckerkabel nicht an meinen PC» meinte Kurt. Der Verkäufer: «Ach, sind Sie der Herr, der gerade den Drucker gekauft hat? Ja, wenn das so ist, dann haben Sie keinen USB-Anschluss an Ihrem Rechner. Aber da haben wir einen Adapter von USB auf Parallelschnittstelle. Den brauchen Sie nur dazwischen stecken. Dann läuft der Drucker.»

Zwei Welten begegnen sich: Centronics Parallelschnittstelle und USB-Anschluss
Zwei Welten begegnen sich: Centronics Parallelschnittstelle und USB-Anschluss. Bild ©Stefan Weller

Bewegung tut gut, dachte sich Kurt, schwang sich auf sein Fahrrad, um zum Computerladen zu fahren, holte den Adapter, der schon bereit lag und fuhr wieder nach Hause. Er steckte den Drucker in den Adapter und diesen in den PC. Ein Hauch der Freude huschte über sein Gesicht, denn die Teile passten.
Er schaltete den PC an, um festzustellen, dass nichts funktionierte. Zumindest kein Druck.

Was soll ich?

Wieder rief er an, diesmal nicht mehr mit einem ganz so fröhlichen Gesicht, was man möglicherweise aus seiner Tonlage erhören konnte. «Das geht auch mit dem Adapter nicht» meinte er wortkarg. «Dann laden sie sich doch den passenden Treiber runter, dann geht es schon.» «Was soll ich?» «Na den Treiber, den Druckertreiber runterladen!» Stille am Telefon. Jetzt kam der Verkäufer auf die Idee, einmal nachzufragen, was er für einen PC wohl habe. Und welches Betriebssystem.

Das Dauerte etwas länger, denn Kurt war Benutzer des Computers, nicht der Fachmann. Nach langen Minuten: «Also Sie haben das Betriebssystem DOS und einen XT Computer. Das ist vorsintflutlich. Da gibt es überhaupt nichts mehr. Keine Treiber, kein Update und die neuen Geräte funktionieren da sowieso nicht dran.» Wieder eine Schweigeminute bei Kurt.

IBM Personal Computer XT
Der IBM Personal Computer XT oder einfach XT wurde am 8. März 1983 vorgestellt. Bild ©Wikipedia

Innerhalb Sekunden war alles Schrott

Schlimmes befürchtend fragte er zaghaft: «Und was mache ich jetzt?»

«Da werden Sie wohl ein wenig investieren müssen. Ich schlage einen neuen PC vor, den Drucker haben Sie ja schon. Am besten Sie kommen nochmal kurz vorbei, dann können wir das in Ruhe besprechen.»

Genervt fuhr Kurt wieder zum Händler. Dort nahm sich der ältere Herr aus dem Hinterzimmer richtig Zeit für Kurt. Er zeigte ihm, dass mit dem neuen PC alles besser gehen würde. Er empfahl ein Notebook, mit dem Kurt auch mal auf der Terrasse oder am Strand, weit weg von der Steckdose, schreiben konnte, eine Tastatur, die so wie seine war – denn die konnte er ja auch nicht mehr verwenden, da die «Windows-Taste» fehlte. Schließlich empfahl der nette Herr noch eine externe Festplatte für Sicherungskopien, falls mal was mit dem Notebook vorkommen sollte. Dann noch einen Stapel DVDs und CDs, halt zur Sicherheit. Und natürlich: «Ohne Internet geht heute gar nichts mehr. Da sprechen Sie am besten mal mit Ihrem Telefon Provider.» «Pro … was?» «Na Ihr Telefonanbieter. Bei wem haben Sie denn Ihr Telefon? Der Telekom?» «Ja, ich glaube schon.»

«Natürlich auch noch ein vernünftiges Antivierenprogramm. Das braucht man heute. Sonst ist Ihr Rechner schneller infiziert, als sie gucken können. Einen vernünftigen Monitor brauchen Sie natürlich auch. Das Bild auf dem Notebook ist ja so klein und fuzelig. Sie als kreativer Texter am PC brauchen da schon was Besseres. Damit Sie nicht dauernd die Kabel rein- und raus stecken müssen, ist eine Docking Station wichtig. Dann können Sie Ihr Notebook einfach mitnehmen und später wieder reinstecken. Ohne groß mit Kabeln stöpseln zu müssen. Das ist sicher, da können Sie nichts verwechseln, wenn Sie das Notebook wieder auf den Schreibtisch stellen.»

Kann ich das neue Gerät denn überhaupt bedienen?

«Das erklärt sich schon fast von allein. Sie schalten den PC ein und schon macht der alles nahezu von selbst.»

«Das glaube ich Ihnen nun aber gar nicht! Ich bin zum dritten Mal hier und kann immer noch nicht drucken.»

Laptop mit Docking-Station und Bildschirm
Laptop, Docking-Station, Bildschirm und Tastatur – das Schreibgerät der Neuzeit. Bild ©laptoppartsblog.wordpress.com

«Also gut, ich betrachte Sie als guten Kunden. Für eine geringe Gebühr packe ich die ganzen Sachen ins Auto, fahre sie zu Ihnen nach Hause, installiere alles und erkläre Ihnen, wie es funktioniert. Einverstanden?» Schon nicht mehr bester Laune sagt Kurt «Ja».

«Gut, dann fahren Sie jetzt nach Hause und ich komme in einer Stunde mit all den Kartons nach. Ich bringe auch gleich noch ein paar Kabel mit. Es soll ja an nichts fehlen.»

Kurt fährt nach Hause

Tatsächlich kommt der Verkäufer nach einer Stunde. Er packt alles aus, steckt die Teile zusammen, wählt mit Kurt den besten Platz und, oh Wunder, erklärt Kurt den neuen PC. Wie er ihn einschaltet, wie lange er ihn ohne Steckdose benutzen kann, wie er die Dockingstation verwendet, wenn er im Büro oder unterwegs ist, wie er Tintenpatronen wechselt, und dass er von ihm auch die günstigen Nachfüllpatronen beziehen kann. Was er beim Drucker einstellen muss, damit dieser die Fremdpatronen nicht erkennt und wie er seine Texte auf Tippfehler überprüfen kann. Selbstverständlich würde er den alten PC gleich zur Entsorgung mitnehmen. Den Vertrag zur Umstellung seines Telefonanschlusses hatte er natürlich dabei.

Als der Verkäufer ihn verlassen hat atmet Kurt tief durch. Der Tag hat ihn über 2.000,- Euro gekostet. Nun hat er alles, was er eigentlich nicht braucht. Er schreibt nach wie vor Texte, so, wie er es gestern auch getan hat und vielleicht sendet er sie nicht mehr gedruckt oder auf Diskette, sondern per E-Mail an seinen Verlag. Mal sehen.

Die Nerven lagen blank

Nun dachte er nur noch eines: Ein kühles Bier! Er trabte verdrießlich in Richtung Keller, um sich den Gerstensaft zu holen. Nur so würde er seine Stimmung aufbauen können. Zum Überfluss brannte auch noch die Birne der Kellerlampe durch, er stolperte die Treppe hinunter und tastete sich am Regal hoch. Seine Finger erfühlten einen Gegenstand, der ein wohlklingendes Geräusch erzeugte, was in seinen Ohren einer Symphonie gleich kam.

Kerze und Streichholz auf einem Fass
Zum Glück hatte Kurt Streichhölzer und Kerze griffbereit. Bild ©Stefan Weller

Er schlich zu dem alten Weinfass, wo die Kerze mit den Streichhölzern lag und erhellte den Raum mit dem flackernden Licht. Nun fiel ihm das Gerät auf, welches er mit den Händen ertastet hatte.

Schreibmaschine Rheinmetall
Die Wiederentdeckung der Nostalgie: Ein mechanische Schreibmaschine von Rheinmetall-Borsig. Bild ©Stefan Weller

Es war tatsächlich das, woran er schon nicht mehr glauben wollte: Seine alte Schreibmaschine! Behutsam nahm er sie aus dem Regal und entdeckte auch noch einen Karton mit Farbbändern und Blaupapier. Er trug Schreibmaschine, Farbrollen und natürlich die Flasche Bier nach oben.

Kurt mit seiner alten Rheintal-Borsig-Schreibmachine
Kurt ließ den Tag doch noch angenehm ausklingen. Bild ©Stefan Weller

Er schenkte sich das kellerkühle Gebräu ein, setzte sich auf seine Terrasse, stellte die Schreibmaschine vor sich, spannte eine Seite ein, füllte seine Lungen mit der frischen Abendluft der See, wertete den Möwenschrei als Zuruf aus einer anderen Welt und ließ den kühlen Schluck die Kehle hinunter rinnen. Er war glücklich über seinen Fund und brachte seine Gedanken auf der Schreibmaschine zu Papier.

Das funktionierte nach wie vor auch ohne PC, Update, Treiber, Internet und Strom.

Nur ein neues Farbband – das kann doch nicht so schwer sein
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12 KOMMENTARE

  1. Wow, aber genau so iss es… Super geschrieben… Manchmal hätte ich auch gern meine Schreibmaschine zurück…

    • Danke! So geht es uns wohl allen, wenn wir einmal eine Sache lieb gewonnen haben. Aber vielleicht kommt auch hier bald ein Umdenken: Erste zaghafte Versuche bei Mobiltelefonen gibt es ja schon.

    • Vielen Dank! Ja, das ist bestimmt kein Einzelfall. Diese Geschichte hat sich in ähnlicher Weise tatsächlich abgespielt und gefühlt haben wir sie wohl alle schon einmal erlebt.

  2. Vielen Dank, Stefan! Dein Artikel hat mich gleich wieder in die 90er Jahre zurück versetzt. Das unvergessliche Geräusch der Nadeldrucker konnte ich förmlich wieder hören. Wer ausgestorbene Geräusche vermisst, kann sich hier ein Ohr voll zurück holen.

    • Ja, Urs, alles Geräusche, die mit wunderbaren Erinnerungen verbunden sind. Da kommt Freude auf. Und den Philips Kassettenrecorder konnte man sogar noch reparieren. Ja, damals wars…

  3. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Das hätte auch ich sein können, der an der Schreibmaschine sitzt. Und wenn der Strom ausfällt können wir weiterhin auf unserer Schreibmaschine tippen.

    • Ja, Frau Schulze, dann konnten Sie ja das Erlebnis von Kurt nachempfinden. Nicht nur der fehlende Strom, auch das Geräusch der klappernden Schreibmaschine kann Musik in den Ohren sein. Es freut mich, dass Ihnen der Artikel gefallen hat.

      Ganz herzlich

      Stefan Weller

  4. Selten so gelacht! Manch junger User kann sich so etwas gar nicht mehr vorstellen. Bitte um weitere solcher Artikel!
    Danke schön!

    • Ja, Carolin, und mit Ihnen noch 4 Millionen Haushalte in Deutschland. Nun müssen Sie für den neuen DVB-T2 Receiver bezahlen und, wenn Sie die privaten Sender empfangen möchten, noch einmal für Freenet. Regelmäßig. Oder Sie stellen auf Satelliten- Schüssel oder Kabel um.
      Herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

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