Ist Dick­sein selbst­ver­schul­det? Na klar, wer­den die ei­nen sa­gen, ein­fach we­ni­ger es­sen und mehr be­we­gen, dann gibt sich dies von selbst. Die an­dern stel­len sich auf den Stand­punkt, dass die Gene, die schwe­ren Kno­chen und nicht zu­letzt die Um­welt und die Er­zie­hung schuld an ih­rem Dick­sein sind. Also ist viel­leicht doch das Schick­sal schuld an un­se­ren über­mäs­si­gen Pfunden?

Kürz­lich un­ter­hielt ich mich an ei­nem Se­mi­nar mit ei­ner au­gen­schein­lich deut­lich un­ter­ge­wich­ti­gen Teil­neh­me­rin über das «rich­ti­ge» Ge­wicht und den BMI (Body-Mass-In­dex). Sie sag­te vol­ler Über­zeu­gung: «Für mich macht der BMI kei­nen Sinn, da ich leich­te Kno­chen habe. Ich war schon im­mer fünf bis acht Kilo leich­ter als emp­foh­len und füh­le mich so gut. Auch bin ich in­fol­ge mei­ner Gene so schlank, egal was und wie­viel ich esse.»

Sind wirk­lich die Kno­chen und die Gene ver­ant­wort­lich für un­ser Ge­wicht? Stimmt dies im Um­kehr­schluss auch für die Di­cken un­ter uns? Ist Über­ge­wicht wirk­lich Schick­sal oder liegt es an je­dem Ein­zel­nen von uns, et­was zu än­dern? Schau­en wir uns dies ge­nau­er an.

Die Mär von den schweren und leichten Knochen

Si­cher­lich ha­ben Sie in Ih­rem Be­kann­ten­kreis Men­schen, die schmal und zier­lich ge­baut sind. Ich weiss noch, wie ich in der Schu­le eine Kol­le­gin hat­te, wo ich ge­fühlt, mei­ne Fin­ger gleich zwei­mal um ihr Hand­ge­lenk wi­ckeln konn­te. Mit mei­nem «ro­bus­ten» Kör­per­bau fühl­te ich mich da­mals be­nach­tei­ligt. Es schien mir nur lo­gisch, dass ich, ver­glich man un­se­re bei­den Ske­let­te, deut­lich mehr wog.

Sind schwere Knochen Ursache fürs Dicksein
Die schwe­ren Kno­chen – ma­chen sie wirk­lich so viel Ge­wichts­un­ter­schied aus? Pho­to by Shutterstock

Tat­sa­che ist: Auf­grund des Ge­schlechts, Kno­chen­baus und Le­bens­wei­se gibt es  Un­ter­schie­de beim Ge­wicht un­se­rer Kno­chen. Nur muss ich all jene gleich wie­der ent­täu­schen, die nun sa­gen, «ich habe es ge­wusst». Der durch un­se­ren Kno­chen­bau aus­ge­wie­se­ne Ge­wichts­un­ter­schied be­wegt sich in ei­nem Be­reich von rund ein bis ma­xi­mal drei Kilo. Sie ge­ben mir si­cher­lich recht, dass die­ser Un­ter­schied be­züg­lich un­se­res Ge­samt­ge­wichts bei den meis­ten von uns zu ver­nach­läs­si­gen ist, nicht?

Liegt «Dicksein» in den Genen?

Bei un­se­ren Ge­nen ist die Sach­la­ge nicht so ein­deu­tig. Für un­se­re Vor­fah­ren war es ein Über­le­bens­vor­teil, so­ge­nann­te «Dick­ma­cher-Gene» zu be­sit­zen: Da­durch hat­ten sie eine Vor­lie­be für süs­se und fet­te Spei­sen, die ein Ma­xi­mum an En­er­gie lie­fer­ten. Der Über­schuss wur­de ef­fi­zi­ent als Vor­rat für Not­zei­ten im Kör­per ein­ge­la­gert. War dies frü­her von Vor­teil, führt es heu­te dazu, dass schnell zu vie­le Pfun­de auf den Rip­pen landen.

Die Schlan­ken un­ter uns, die die Nah­rungs­en­er­gie viel schlech­ter ver­wer­ten kön­nen, sind in der heu­ti­gen Zeit im Vor­teil. Den­noch sind Men­schen, die Dick­ma­cher-Gene be­sit­zen, nicht au­to­ma­tisch dazu ver­ur­teilt, über­ge­wich­tig zu wer­den. Der Er­näh­rungs­psy­cho­lo­ge Joa­chim Wes­ten­hö­fer be­merkt dazu: «Die Gene le­gen zwar fest, wie an­fäl­lig je­mand für Über­ge­wicht ist – aber die Um­welt be­stimmt, ob er tat­säch­lich dick wird.»

Übergewichtiger auf dem Fahrrad
Gene be­ein­flus­sen un­se­re An­fäl­lig­keit dick zu wer­den. Nichts­des­to­trotz kön­nen wir durch un­se­ren Le­bens­stil be­ein­flus­sen, wie die­se An­fäl­lig­keit sich auf uns aus­wirkt. Pho­to by Shutterstock

Ein an­de­res Bei­spiel, wie Gene un­ser Ess­ver­hal­ten mit­be­stim­men kön­nen, ist das ob-Gen. Bei ei­ner Mu­ta­ti­on die­ses Gens kön­nen die Fett­zel­len kein Lep­tin bil­den. Lep­tin si­gna­li­siert dem Ge­hirn, dass wir satt sind. Fehlt die­se In­for­ma­ti­on, es­sen wir un­ge­hemmt wei­ter. Be­kom­men Men­schen mit die­ser Gen-Mu­ta­ti­on das Lep­tin von aus­sen zu­ge­führt, nor­ma­li­siert sich ihr Essverhalten.

Als die­ser Zu­sam­men­hang 1994 er­kannt wur­de, glaub­ten vie­le Wis­sen­schaft­ler, end­lich ei­nen Durch­bruch bei der Er­for­schung von Über­ge­wicht ge­schafft zu ha­ben. Lei­der ist je­doch nur bei sehr we­ni­gen Über­ge­wich­ti­gen die feh­len­de Lep­tin-Bil­dung die Ur­sa­che. Viel­mehr scheint eine so­ge­nann­te Lep­tin-Re­sis­tenz wei­ter ver­brei­tet zu sein: Der Bo­ten­stoff Lep­tin wird zwar ge­bil­det, wird im Ge­hirn je­doch nur un­ge­nü­gend oder gar nicht er­kannt. Die Fol­ge: Die Be­trof­fe­nen wer­den nicht satt und es­sen wei­ter. Doch auch hier schafft meist eine lang­fris­ti­ge Um­stel­lung in der Er­näh­rung Abhilfe.

Liegt Dicksein in der Familie?

Dies sind zwei Bei­spie­le von Ge­nen, die un­ser Ge­wicht be­ein­flus­sen kön­nen. Soll­ten Sie nun den­ken, «ich habs ja ge­wusst!», muss ich Sie ent­täu­schen. So­gar Ge­ne­ti­ker sind der Über­zeu­gung, dass nicht alle über­ge­wich­ti­gen Men­schen ih­ren Ge­nen hilf­los aus­ge­lie­fert sind. Es gibt Men­schen, bei de­nen eine Gen-Mu­ta­ti­on für ihre Ge­wichts­zu­nah­me ver­ant­wort­lich ist, al­ler­dings trifft dies auf die meis­ten von uns nicht zu.

Übergewichtige Familie auf Sofa
Oft wird in­ner­halb ei­ner Fa­mi­lie die Ver­an­la­gung zum Dick­sein wei­ter­ge­ge­ben. Pho­to by Fotolia

Meis­tens ist es die Kom­bi­na­ti­on von Ver­an­la­gung so­wie Um­welt­ein­flüs­se, die zum Dick­sein füh­ren. Dar­aus folgt, dass wir un­se­ren Ge­nen nicht hilf­los aus­ge­lie­fert sind. Es liegt an uns, un­se­re Um­welt so zu ge­stal­ten, dass wir un­se­rer Ver­an­la­gun­gen ent­ge­gen­wir­ken wie z.B. durch ei­nen ge­sun­den Le­bens­stil, ge­sun­de Er­näh­rung, Be­we­gung, we­nig Stress, etc.).

Einfluss unserer sozialen Umwelt und Prägungen

Wir alle sind ge­prägt durch un­se­re Er­zie­hung und durch die Ess­ge­wohn­hei­ten un­se­rer El­tern. Dies schlägt sich auch in un­se­ren Ess­ge­wohn­hei­ten nie­der. For­scher stell­ten fest, dass Kin­der, de­ren El­tern ei­nen un­ge­sun­den Le­bens­stil hat­ten, ein deut­lich hö­he­res Ri­si­ko für Über­ge­wicht hat­ten. Auch die Nah­rungs­vor­lie­ben wer­den durch die Ess­kul­tur des Um­fel­des ge­prägt. Dazu kommt, dass Kin­der oft durch Nah­rung – spe­zi­ell durch Süs­sig­kei­ten – ge­trös­tet oder be­lohnt wer­den. Sie ver­ler­nen Hun­ger und Sät­ti­gung rich­tig zu un­ter­schei­den. Zu­gleich ler­nen sie früh­zei­tig, dass sie sich durch emo­tio­na­les Es­sen Er­leich­te­rung ver­schaf­fen können.

Emotionales Essen wird bei Kindern früh geprägt
Die Prä­gung auf emo­tio­na­les Es­sen wird bei Kin­dern be­son­ders oft ge­för­dert. Pho­to by Shutterstock

Auch un­ser Glau­be spielt eine wich­ti­ge Rol­le, wie For­scher fest­stell­ten: Glau­ben Men­schen, dass «Dick­sein eben in der Fa­mi­lie liegt» und Ver­an­la­gung ist, er­scheint dies ih­nen wie eine hö­he­re Fü­gung. Wie­so sol­len sie sich an­stren­gen, ist doch an ei­nen Er­folg ei­ner Ge­wichts­ab­nah­me nicht zu den­ken? Die­se Sicht führt dazu, dass sie ins­ge­samt un­ge­sün­der le­ben und noch mehr zu­neh­men. Man könn­te es auch eine selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung nennen.

Sind wir selber schuld, dass wir dick sind?

Be­vor ich auf die­se Fra­ge ein­ge­he, möch­te ich klar­stel­len, dass ich nur von den Über­ge­wich­ti­gen rede, die ihr Dick­sein durch ge­ziel­te Er­näh­rungs- und Ver­hal­tens­än­de­rung steu­ern kön­nen. Da­mit mei­ne ich uns – ich zäh­le mich da durch­aus dazu – die wäh­len kön­nen, wie sie durchs Le­ben ge­hen. Ich rede nicht von den Men­schen, die durch ihr Schick­sal – nicht be­ein­fluss­ba­re Ge­ge­ben­hei­ten wie Krank­heit – über­ge­wich­tig wurden.

Seit mei­ner Kind­heit zäh­le ich zu den Men­schen mit mas­si­vem Über­ge­wicht. Seit nun­mehr gut drei Jah­ren bin ich auf dem Weg zu mei­nem Wunsch­ge­wicht. Ich habe über 40 Kilo ab­ge­nom­men und be­schäf­ti­ge mich in­ten­siv mit The­men rund ums Ab­neh­men. Dies er­zäh­le ich Ih­nen nicht, um Lob ein­zu­heim­sen, son­dern da­mit klar ist, dass ich mich selbst im­mer noch zu den stark Über­ge­wich­ti­gen zäh­le. Ich habe es mir mit die­ser Fra­ge also nicht leicht ge­macht, da ich selbst be­trof­fen bin. Auch will ich Sie mit die­ser Fra­ge si­cher­lich nicht är­gern, nichts liegt mir fer­ner. Son­dern ich möch­te Sie ani­mie­ren, dar­über nachzudenken.

Zu­rück zur Aus­gangs­fra­ge: Sind wir sel­ber schuld, dass wir dick sind? Na­tür­lich wäre ich schon im­mer ger­ne schlank ge­we­sen. Nur habe ich, nebst den vie­len meist eher kurz­fris­ti­gen Di­ät­ver­su­chen, auch wirk­lich et­was da­für ge­macht um mein Ziel zu er­rei­chen? Nein. Ich wur­de so­gar von Jahr zu Jahr noch schwe­rer. Im Nach­hin­ein be­trach­tet habe ich durch mein in­kon­se­quen­tes Ver­hal­ten un­be­wusst in Kauf ge­nom­men, dick zu sein. Eine Wahl durch Un­ter­las­sung. Ich habe durch mein Ver­hal­ten und durch mein Nichts­tun ge­wählt, dass ich wei­ter­hin als Di­cke durchs Le­ben lau­fen muss. Von die­sem Ge­sichts­punkt aus ge­se­hen, habe ich mein fort­dau­ern­des Dick­sein selbst verschuldet.

Wir entscheiden, wie wir durchs Leben gehen

Zitat von Albert Einstein
Pho­to by Pixabay (be­ar­bei­tet)

Auch wenn nicht si­cher ist, dass das obi­ge Zi­tat von Al­bert Ein­stein stammt, fin­de ich es wun­der­schön pas­send. Wis­sen Sie war­um? Es führt mir vor Au­gen, dass wenn ich wei­ter das Glei­che – oder mehr noch – gar nichts tue, ich nicht er­war­ten kann, dass sich et­was än­dert. Ich bin für mein Le­ben und mei­ne Hand­lun­gen ver­ant­wort­lich. Es gibt mir den An­stoss, nicht ein­fach nichts zu tun und zu den­ken, dann ist es halt so. Viel­mehr mo­ti­viert es mich auf­zu­ste­hen und Ver­ant­wor­tung für mein Le­ben zu über­neh­men. Es for­dert mich auf neue Wege zu su­chen, die mich mei­nem Ziel näherbringen.

Da­bei will ich nicht die Schwie­rig­kei­ten klein­re­den, de­nen ein Über­ge­wich­ti­ger ge­gen­über­steht, der dau­er­haft ab­neh­men will. Die ken­ne ich selbst nur all­zu gut. Ich bin heu­te je­doch über­zeugt, dass je­der ein­zel­ne von uns eine Wahl hat: In sei­nem Le­ben nichts zu ver­än­dern und Dick­sein wei­ter­hin als sein Schick­sal an­zu­neh­men. Oder be­reit zu sein, sich kon­se­quent und nach­hal­tig auf Ver­än­de­run­gen einzulassen.

Sich gut fühlen – der Verdienst, wenn Weg, Ausdauer und Konsequenz passt

Schlank sein und sich gut füh­len, ist nicht ein­fach Glück. Eben­so­we­nig ist Dick­sein mein Schick­sal – da­von bin ich über­zeugt. Mein Über­ge­wicht los­zu­wer­den und mein Wunsch­ge­wicht zu er­rei­chen ist ein Ver­dienst mei­ner Aus­dau­er und Kon­se­quenz. Na­tür­lich muss auch der Weg da­hin pas­sen. Ich habe mei­nen Weg in der ge­sun­den, stoff­wech­sel­op­ti­mier­ten Er­näh­rung ge­fun­den. Sie be­frie­digt mei­nen Wunsch nach ge­nuss­vol­lem Es­sen und ver­leiht mir En­er­gie um mei­ne Zie­le zu ver­fol­gen. Dies ist mein Weg zu mei­nem Wunschgewicht.

Die CRS-Messung zeigt die Stoffwechselkarte des Körpers auf.

Und Sie, was ist Ihr Weg, wie ent­schei­den Sie sich? Wei­ter­hin nichts zu än­dern und sich mit Ih­rem Über­ge­wicht durchs Le­ben zu schlep­pen? Oder ge­zielt und nach­hal­tig auf eine leich­te­re Ver­si­on von Ih­nen hin­zu­ar­bei­ten? Ger­ne un­ter­stüt­ze ich Sie auch ak­tiv da­bei,  mel­den Sie sich ein­fach per Mail bei mir. Wie den­ken Sie über die­ses The­ma? Über Kom­men­ta­re von Ih­nen wür­de ich mich freuen.

Ich wün­sche Ih­nen von Her­zen, dass Sie den Mut und die Kraft ha­ben, den Weg zu ge­hen, der Sie zu ei­nem (noch) er­füll­te­ren und glück­li­che­ren Men­schen wer­den lässt.

Ihre Su­san Rothenberger

Dick­sein – Got­tes­ur­teil oder von uns selbst verschuldet?
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