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„Wir machen doch schon viel für die Gesundheit unserer Mitarbeitenden.“ Diesen Satz hört man häufig, wenn Organisationen über ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement sprechen. Es folgt die typische Aufzählung: Gesundheitstage, Präventionskurse, Resilienztrainings, Gutscheine oder Angebote der Krankenkassen. Wasser marsch für die Gießkanne. Frei nach dem Motto: Wenn es nichts nützt, schadet es zumindest nicht.

Doch die unbequeme Wahrheit lautet: Das allein ist kein BGM. Es ist Aktionismus.

Viele Maßnahmen, aber kein System

Maßnahmen werden gesammelt und damit die Erwartung geweckt, daraus entstehe automatisch ein Betriebliches Gesundheitsmanagement. Doch viele Instrumente machen noch kein Orchester. Erst wenn sie aufeinander abgestimmt und professionell gesteuert einem gemeinsamen Ziel folgen, entsteht ein harmonisches Ganzes. Genauso entsteht auch BGM nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ihre systematische Steuerung.

Hier liegt das eigentliche Problem: Häufig wird Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) mit großem Etikett als BGM verkauft.

  • Es werden Angebote geschaffen, nach denen niemand gefragt hat, während die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten kaum systematisch analysiert werden.
  • Gutscheine werden verteilt, während die Arbeitsverdichtung steigt.
  • Stressprävention wird angeboten, während Führung und Organisation unverändert bleiben.
  • Über mentale Gesundheit wird gesprochen, ohne die entscheidende Frage zu stellen: Welche Belastungen entstehen überhaupt durch unsere Arbeitsbedingungen?

Ein Kurs ersetzt keine Analyse.
Ein Gesundheitstag ersetzt keine Strategie.
Ein Gutschein ersetzt keine Veränderung von Arbeitsbedingungen.

Psychische Belastungen erkennen, bevor sie eskalieren

Natürlich haben Präventionsangebote ihren Wert. Autogenes Training, Entspannungskurse oder Resilienztrainings können Menschen unterstützen und persönliche Ressourcen stärken. Aber psychische Erkrankungen sind inzwischen der Fehlzeitentreiber Nummer eins. Ob ihre Ursachen im Arbeitsumfeld liegen oder außerhalb des Unternehmens, lässt sich nicht vermuten, sondern muss systematisch betrachtet werden. Genau dafür gibt es die psychische Gefährdungsbeurteilung. Denn arbeitsbedingte Belastungen lassen sich verändern. Und wo die Ursachen außerhalb der Arbeitswelt liegen, kann und sollte ein Arbeitgeber zumindest frühzeitig unterstützen und passende Hilfsangebote schaffen. Denn es gibt keinen Privatmenschen und keinen Arbeitsmenschen, es gibt nur den Menschen.

Genau deshalb muss BGM anders verstanden werden: nicht als Projekt, Aktion oder Angebotskatalog, sondern als Teil der Unternehmenssteuerung. Es muss im Unternehmen etabliert, verankert und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Die psychische Gefährdungsbeurteilung (PGBU) ist dabei kein simpler Pflichtpunkt für die Dokumentation, sondern ein zentrales Steuerungsinstrument, um Belastungen sichtbar zu machen, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.

Ergänzend braucht es weitere Frühwarnsysteme: belastbare Kennzahlen, regelmäßige Rückmeldungen aus der Organisation, Analysen von Fehlzeiten und Fluktuation, aber auch Menschen, die geschult sind, Veränderungen wahrzunehmen. Verantwortliche müssen erkennen können, wenn sich Belastungen entwickeln, Gespräche führen und frühzeitig handeln. Denn nicht jede kritische Entwicklung zeigt sich in einer Statistik. Manchmal beginnt sie mit Veränderungen im Verhalten, in der Zusammenarbeit oder in der Stimmung eines Teams.

Ein professionelles BGM wartet deshalb nicht, bis Menschen ausfallen. Es wirkt gesunderhaltend, verbindet Daten, Beobachtung und Dialog und erkennt Risiken, bevor sie zu Ausfällen werden.

Gesundheit entsteht nicht durch Angebote, sondern durch Steuerung

Betriebsärzte und Krankenkassen werden häufig als Beleg angeführt, dass man sich ausreichend um Gesundheit kümmert. Doch auch hier werden Ebenen vermischt. Der Betriebsarzt erfüllt eine wichtige medizinische Funktion: Er beurteilt gesundheitliche Risiken aus arbeitsmedizinischer Sicht und unterstützt bei individuellen Fragestellungen. Krankenkassen bieten Präventionsangebote und Maßnahmen an. Beides sind einzelne und wichtige Bausteine, aber noch immer kein Betriebliches Gesundheitsmanagement.

Wer diese Angebote mit BGM gleichsetzt, verwechselt Unterstützung mit Steuerung. BGM entsteht nicht dadurch, dass externe Angebote genutzt oder Maßnahmen eingekauft werden. Es entsteht durch eine systematische Analyse, eine klare Strategie, professionelle Steuerung und nachhaltige Verankerung im Unternehmen.

Professionelles BGM basiert auf einem klaren roten Faden und der Fähigkeit, aus Erkenntnissen wirksame Entscheidungen abzuleiten. Dabei zählen Daten statt Bauchgefühl, Frühwarnsysteme statt reiner Reaktion und Nachhaltigkeit statt Aktionismus.

Und während die einen weiter fragen: „Was müssen wir denn noch alles machen?“ und nach der kleinsten Lösung, der schnellsten Maßnahme oder dem einfachsten Nachweis suchen, haben andere längst verstanden, worum es wirklich geht.

Sie betreiben BGM nicht als Gesundheitsdekoration und nicht als Imageprojekt. Sie verankern Gesundheit in ihren Strukturen, analysieren Belastungen, entwickeln ihre Organisation weiter und übernehmen Verantwortung, bevor Probleme sichtbar eskalieren.

Die einen sammeln Maßnahmen und hoffen auf Wirkung. Die anderen steuern Gesundheit.

Und genau diese Unternehmen werden morgen die Arbeitgeber sein, die Fachkräfte gewinnen, Beschäftigte binden und wirtschaftlich erfolgreicher sein werden. Die anderen werden sich weiter wundern, warum trotz Gesundheitstagen, Gutscheinen und Resilienzkursen die Fehlzeiten weiter steigen.

Viel BGF sieht vielleicht nach BGM aus. BGM ist es deshalb noch lange nicht.


©Titelbild: Hans/Pixabay

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