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Nach langen Überlegungen, wo unser vierbeiniges Familienmitglied unsere Haflingerdame Sisi einziehen würde, entschieden wir uns, Sie zu einem Freund auf den Bauernhof zu stellen. Dort befand sich ein kleiner Offenstall mit weiteren zwei Pferden. Das passte gut und Sisi zog ein. Die Pferde verstanden sich gut. Die Arbeit wurde mit der anderen Einstellerin geteilt und meine Pferdewelt war wieder in Ordnung. 

Ein halbes Jahr später teilte mir die Besitzerin der anderen beiden Pferde mit, dass sie mit ihren Pferden in den hohen Norden ziehen würde. Mich traf der Schlag. Sollte unsere Haflingerdame nun alleine wohnen. Das ging nicht. Pferde sind schließlich Herdentiere. Ein Zweites musste auf jeden Fall dazu. Gesagt, getan ein Kaltblut zog mit in den Stall.

Ein Kaltblut zog mit in den Stall. Photo by Pixabay

Es folgte eine weitere Schettydame. Sie sollte zum Schlachter gebracht werden, obwohl sie für ihr Rentenalter noch sehr pfiffig war. Das konnte ich nicht zulassen. Die Zeit bei und mit den Pferden war schön. Allerdings fuhren wir morgens und abends zur Fütterung und der restlichen Arbeit, die Pferdehaltung nun mal mit sich bringt täglich 96 Kilometer. 

Das Leben war schön

Kurze Zeit später platzten wir geschäftlich aus allen Nähten. Die Halle, für die ganzen Geräte, Anhänger und Autos die wir neben unserem Haus gebaut hatten, war viel zu klein geworden. Wir mieteten im Ort eine weitere Halle. Doch nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass dieses auch nicht die Lösung war. Denn die Mietkosten für Stall und zusätzlichen Halle, plus die Fahrtkosten waren schon hoch. Hochgerechnet auf zehn Jahre ein kleines Vermögen.

Wir entschieden uns, unser damaliges Haus zu verkaufen und neu zu bauen. Allerdings mit größerer Halle für unseren Maschinenpark und mit Stall für die Pferde direkt am  Haus. Von der Überlegung bis zum Einzug vergingen eineinhalb Jahre. 

Wir lebten auf unserer kleinen Ranch

Alles war perfekt. Unsere kleine Ranch hatten wir auf eine sehr geringe Laufzeit finanziert, denn es lief doch alles bestens. Schließlich wollten wir unseren Kindern ein schuldenfreies Haus vererben. Meistens kommt es anders als man denkt. 

Unsere kleine Ranch hatten wir auf eine sehr geringe Laufzeit finanziert, denn es lief doch alles bestens. Photo by Pixabay

Wir wohnten im vierten Jahr auf unserer kleinen Ranch, als mein Mann sehr gut gelaunt nach Hause kam und berichtete, dass wir einen sehr, sehr großen Auftrag von einem Kunden, für den wir schon so oft gearbeitet hatten, so gut wie in der Tasche hätten. Die Freude im Haus war groß – doch die Herausforderungen auch.  Der Auftrag war so groß, dass wir das alleine nicht schafften. Wir sprachen mit verschiedenen Mitbewerbern, die schon öfters für uns als Subunternehmer gearbeitet hatten. Gemeinsam schafften wir die anfallenden Arbeiten. Es wurden Verträge geschlossen. Wir kauften noch zusätzliche Maschinen die benötigt wurden und die Arbeit begann.

Wie sagt ein guter Freund von uns: «Lange Rede gar kein Sinn.»

Wir zahlten unsere Mitarbeiter und die Subunternehmer. Sie schufteten hart und hatten ihr Geld wirklich verdient. Doch leider zahlte unser Auftraggeber gar nicht. Klar zahlte hier und da ein Kunde mal nicht, doch nicht in dieser Größenordnung. Unser Auftraggeber musste Insolvenz anmelden. Hier hatten wir uns verkalkuliert. 

Mann arbeitet mit einer Schneidemaschine auf der Baustelle
Die Auftragslage war gut – fast zu gut. Photo by Pixabay

Uns war klar, dass wir das nur noch schafften, wenn unsere Raten für unser Haus geringer würden. Wir hatten ja schließlich eine sehr kurze Finanzierungslaufzeit mit der Bank vereinbart. Mit einer Lauzeitverlängerung und somit geringeren Raten und weiterhin guter Arbeit, würden wir das schon schaffen. 

Wir sprachen mit der Bank, die uns vier Jahre zuvor gerne noch mehr Geld zur Verfügung stellen wollten, ob wir die Laufzeit für die Finanzierung verlängern könnten. So würden die monatlichen Raten geringer. Die Bank teilte uns mündlich mit: «Alles kein Problem.» Wir vertrauten und warteten. 

Es ging alles schief, was nur schief gehen konnte

Unser Haus wurde versteigert und das ging groß durch die Presse. Sie fragen sicherlich: «Warum denn das?» Ich hatte mir einen Traum erfüllt. 

Auf unserer kleinen Ranch mit sieben Pferden, lernte ich Kindern den respektvollen Umgang mit diesen sensiblen Lebewesen. Erwachsene lernten sich, durch die Arbeit am Pferd besser kennen. Denn auf jede Aktion eines Menschen, folgt eine Reaktion des Pferdes. Die Pferde zeigen den Menschen genau, wie sie gerade in ihrem Leben stehen. Die Presse war bei fast jedem Kurs anwesend, um über unser Tun zu berichten. Denn zu der Zeit war das, was wir mit Menschen und Pferden machten, in unserer Region eine Attraktion. Die Presse war der Meinung, dass die Menschen ein Recht hätten zu erfahren, wie es mit unserer kleinen Ranch weiterginge. 

Die Presse war bei fast jedem Kurs anwesend, um über unser Tun zu berichten.
Die Presse war bei fast jedem Kurs anwesend, um über unser Tun zu berichten. Photo by Pixabay

Wir merkten schnell, dass sich auf der einen Seite ein Fanclub um uns herum aufbaute, auf der anderen Seite die Gegner, die uns oftmals spüren ließen, dass wir es nicht mal mehr wert waren uns einen «guten Tag» zu wünschen. Meine Eltern trauten sich schon bald gar nicht mehr aus dem Haus. 

Immer diese Angst, die Leute würden mit den Fingern auf uns zeigen

Wir waren ja gewillt auszuziehen. Meine Bemühungen, für uns alle – und dazu gehörten mein Mann, meine beiden Kinder, meine Eltern, ein Hund, eine Katze und sieben Pferde – ein anderes Zuhause zu finden, scheiterten. Klar hätten wir in eine Wohnung ziehen, alle Pferde – am besten auch noch Hund und Katze – verkaufen können. Denn in dieser Konstellation wie wir es nun mal waren, wollte uns keiner ein Dach über dem Kopf gewähren. Zu dieser Zeit stellten wir fest, das Geld bei vielen Menschen wichtiger ist, als die Menschen selbst. 

Wie oft wurde mir mitgeteilt, dass wir ja schließlich insolvent seien, doch solvente Mieter gesucht würden. So manche Aussage bei der Suche nach einem Dach über den Kopf traf mich wie ein Schlag in den Magen. Mein Mann und ich hatten doch keinem geschadet. Das einzige, was wir getan hatten, war einmal im Leben eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Doch teils wurden wir behandelt als seien wir Schwerverbrecher. 

Die Mühlen der Gerichte mahlen langsam

Die Zeit verging und so kam es, dass wir zum Sommeranfang vom Gericht Post bekamen. Wir mussten zu einem bestimmten Zeitpunkt, das Haus geräumt haben, sonst würden wir geräumt. Ich brach in Tränen aus. Was sollte jetzt geschehen? Ohne Dach über dem Kopf? Meine Eltern, unsere Kinder und die Tiere? 

Die Zeit verging und so kam es, dass wir zum Sommeranfang vom Gericht Post bekamen.
Die Zeit verging und so kam es, dass wir zum Sommeranfang vom Gericht Post bekamen. Photo by Pixabay

Ich führte Gespräche mit einem uns lange bekannten Freund, der sich mit solchen Fällen im täglichen Leben beschäftigt. Er teilte mir mit, dass wir das erst einmal aussitzen sollten. Denn unsere kleine Ranch wäre zwar versteigert worden, doch es bestünden vorhandene Mietverträge. Das Gericht würde nach dieser Sachlage entscheiden und wir dürften wohnen bleiben. 

So waren wir vorbereitet. Wir sollten die entsprechenden Unterlagen an dem Tag an dem der Gerichtsvollzieher zu uns kommt zeigen. Dann würde er erkennen, dass wir ein Recht hätten zu bleiben und er würde wieder gehen. Ich war beruhigt. 

An besagtem Tag warteten wir alle gespannt auf den Gerichtsvollzieher

Für sieben Uhr war er angemeldet. Uns konnte ja nichts passieren. Doch wir trauten unseren Augen nicht. Der Gerichtsvollzieher kam nicht alleine. Er hatte einen Möbelwagen mit drei Männern und die Presse in voller Besetzung dabei. Wir schafften es, dass alle wieder abgezogen sind. Doch etwas schafften wir nicht, die Presse zu überzeugen, uns nicht in den Tageszeitungen wieder groß rauszubringen. Es schien, als seien wir gerettet. Doch schien es nur so. 

Vier Wochen später genau die gleiche Prozedur. Das Gericht hatte noch kein Urteil gefällt. Wir wurden geräumt. Später stellte sich heraus, dass das Gericht einen Fehler begangen hatte und wir mit unseren Verträgen auf unserer Ranch hätten bleiben können. Doch das war an dem Tag der Räumung nicht relevant. Mein Mann und unsere Kinder sollten aus unserem Haus und die Halle geräumt werden. Meine Eltern durften wohnen bleiben.

Wir verstanden die Welt nicht mehr

Der Gerichtsvollzieher teilte uns mit, wo die Stadt uns unterbringen würde. Wir alle waren schockiert. Das konnte und wollte ich meinen Kindern nicht antun. Ich brauchte eine Lösung und zwar ganz schnell. So fragte ich den Gerichtsvollzieher, ob es möglich sei, wenn ich für uns schnell ein Dach über dem Kopf finden würde, ob wir dann dorthin ziehen könnten. Nach Absprache mit, ich glaube es war das Ordnungsamt, willigte er auf meine Frage ein. Allerdings hatte ich ganze dreißig Minuten, um das zu klären.

Doch Plan B war noch nicht einmal im Ansatz entwickelt. Denn ich war doch davon ausgegangen, dass wir wohnen bleiben und alle wie beim letzten Mal wieder abziehen müssten. Doch diesmal hatte ich mich getäuscht.

Es war ernst. Doch aufgeben, kam für mich nicht in Frage und dort einziehen, wo wir einziehen sollten auch nicht.
Es war ernst. Doch aufgeben, kam für mich nicht in Frage und dort einziehen, wo wir einziehen sollten auch nicht. Photo by Pixabay

Ich nahm den Telefonhörer in die Hand rief bei Freunden, die weit weg wohnten, an und fragte, ob sie uns Ihr Wohnmobil leihen könnten. Karins Freude war groß. Sie trällerte förmlich in den Telefonhörer : «Heike, ich freue mich, dass ihr mal Urlaub machen wollt, wo wollt ihr denn hin? Du hättest uns aber dafür doch nicht aus dem Bett schmeißen müssen. Klar bekommt ihr unser Wohnmobil. Wann wollt ihr denn fahren?» Meine Antwort war nur: «Karin gar nicht, wir werden gerade mit dem Gerichtsvollzieher geräumt und brauchen ein Dach über dem Kopf.» Es hörte sich fast so an, als ob Karin der Telefonhörer aus der Hand gefallen war. Dann sagte sie ganz leise: «Ja klar, wir sind morgen bei euch mit Wohnmobil.»

Der Gerichtsvollzieher hatte das Gespräch mitbekommen und teilte mir mit, dass wir nicht einfach ein Wohnmobil irgendwo hinstellen könnten. Wir brauchten ja eine Adresse, sonst seien wir obdachlos. Ach du Güte, da hatte ich überhaupt nicht dran gedacht. Doch ich blickte zu unserem Unternehmernachbarn, der gerade zu seiner Firma fuhr, winkte ihn herbei und schon hatten wir ein Grundstück auf dem wir erlaubter Weise lange parken durften. 

Unser neues Zuhause auf Zeit war auf dem Weg zu uns. Photo by Pixabay

Ich rief bei der Stadt an und erkundigte mich, ob wir mit einem Wohnmobil auf dem Nachbargrundstück mit Genehmigung des Eigentümers lange parken dürften und diese Adresse als Wohnort angeben dürften. Das ok kam vom Ordnungsamt und der Gerichtsvollzieher willigte ein. 

Jedoch teilte mir der Gerichtsvollzieher ganz schnell mit, dass das erst ab morgen gehen würde und meine Familie und ich für die Nacht ein Dach über dem Kopf brauchten. Ich zeigte auf unser Haus. Das war für die eine Nacht nicht mehr erlaubt. Wir durften nur noch mit Anwesenheit des Gerichtsvollziehers auf unser Grundstück. Meine Gefühle überschlugen sich. Hass, Wut, Selbstzweifel doch etwas Schlimmes verbrochen zu haben, Traurigkeit, Fassungslosigkeit und  teils sogar ein Hauch von Lächerlichkeit war an Gefühlen vertreten. 

Gefühlsduselei konnte ich mir an diesem Tag nicht erlauben

Ich brauchte Lösungen. Also wo schliefen wir die Nacht. Ich telefonierte mit einer Bekannten aus dem Ort und fragte sie: «Hast du heute Nacht deine Ferienwohnung frei?» Sie sagte: «Ja habe ich, wer kommt denn?» Als ich ihr von unserem Dilemma berichtete sagte sie nur: «Ich bin sofort bei dir.» Sie bestätigte dem Gerichtsvollzieher, dass nicht nur diese Nacht, sondern soviel Nächte wie wir brauchten bei ihr gesichert wären. 

Der Gerichtsvollzieher willigte ein. Allerdings hatte er noch zwei Hiobsbotschaften. Die Pferde, wohin? Als er mir das mitteilte fragte ich ihn, ob ihm wirklich bewusst wäre, was er hier machen würde. Seine Antwort: «Ich mache nur meinen Job.» In diesem Moment musste ich mich echt zusammenreisen. Ich hätte gerne meine Wut an ihm ausgelassen. Doch hätte uns das überhaupt nicht weitergebracht. Ich rief eine Pferdefreundin an und fragte sie, ob sie Platz für sieben Pferde hätte. Ihre Antwort war nur: «Ja klar, stell sie unten auf den Platz, da stehen sie für sich und haben ein Dach über dem Kopf.»

Auf der Pferdekoppel einer Freundin kamen unsere Pferde unter.
Auf der Pferdekoppel einer Freundin kamen unsere Pferde unter. Photo by Pixabay

In diesem Moment kam ein großes Gefühl der Dankbarkeit in mir hoch und ich brach in Tränen aus. Das Wichtigste was ich hatte, meine Familie, meine Eltern und meine Tiere hatten ein Dach über dem Kopf. Zumindest für eine kurze Zeit. Zum Glück nicht da, wo wir von der Stadt aus untergebracht werden sollten. Doch unser Zuhause hatten wir gerade verloren. 

Die nächste Herausforderung liess nicht lange auf sich warten

Alles was in der Halle stand irgendwo unterzubringen. Auch das gelang mir. Ein guter Freund meiner Eltern teilte mir bei meinem Anruf mit, dass eine kleine Halle bei ihm zuhause leer stünde und wir dort alles unterstellen könnten, wofür wir Platz brauchten, bis wir wieder ein Zuhause gefunden hätten. Wie schön, dass es Freunde in der Not gibt.

Zweieinhalb Tage packten die Möbelpacker und wir unsere Sachen aus den Schränken in Kisten. Nein, nicht wie wir das bestimmt alle von einem Umzug her kennen. Nein, es wurde einfach alles in Kisten geknallt. Den Möbelpackern war das ganz egal ob was kaputt geht oder nicht. Ich war schon froh, dass ich meine Küchenschränke selbst ausräumen und einpacken durfte, sonst hätten wir wahrscheinlich keine Tasse mehr gehabt, die noch brauchbar gewesen wäre. 

Eine kleine Lagerhalle stand für unser «Hab und Gut» bereit.
Eine kleine Lagerhalle stand für unser «Hab und Gut» bereit. Photo by Pixabay

Meine Tochter kam mit der Situation überhaupt nicht klar, doch brachte sie mit ihrem Papa unsere Pferde in den anderen Stall. Pferde waren und sind noch immer ihre ständigen Wegbegleiter. Mein Vater räumte die Halle. Auch ihm ging es gar nicht gut. Während der ganzen Räumungsaktion hatte ich das Gefühl, ich würde das alles nur träumen.

Nach der Räumungsaktion wohnten meine Eltern weiterhin in ihrem Häuschen. Da hatte das Gericht erkannt, dass ein Vertrag vorhanden war. Warum bei uns nicht? Diese Frage stellte ich mir so oft.  Unsere Pferde, Möbel und alles aus der Halle war bei Freunden untergestellt.

Wir zogen in das Wohnmobil direkt gegenüber unserer Ranch. Das alles passierte zum Glück im Sommer. Wir konnten uns überwiegend draußen aufhalten. 

Kochen und backen auf offener Feuerstelle
Unser Leben spielte sich meistens im Freien ab. Photo by Pixabay

Dann kam der Herbst und wir hatten noch immer kein richtiges Dach über dem Kopf. Das Dach was zu der Zeit über unserem Kopf war, nutzen andere Menschen gerne zum Urlaub machen. Für diesen Zweck ist ein Wohnmobil etwas schönes, doch um dauerhaft mit vier Personen dort zu wohnen, war es eine Herausforderung. 

Es wurde kalt und nass

Die Klamotten mussten getrocknet werden, wenn wir vom Arbeiten oder von den Pferden zurückkamen. Es wurde gekocht, gespült, geduscht, gespielt, Hausaufgaben gemacht. Alles auf engstem Raum. So sehr ich mich auch bemühte und mir Objekte anschaute, in denen wir hätten wohnen können, folgte eine Absage. Meine Nerven lagen blank.

Wir schrieben schon Mitte November und kein Ende in Sicht. Auch nicht vom Gericht. Das Urteil war noch nicht gesprochen. Der Bruder des Ersteigeres zog unterdessen mit einem Sofa und einem Stuhl in unser Haus. Fassungslosigkeit machte sich bei mir breit. Doch ich brauchte eine schnelle Lösung und etwas erträglichere Wohnmöglichkeit als das Wohnmobil. 

Es musste doch eine Möglichkeit geben

Eine Bekannte erzählte mir beim Einkaufen, dass Verwandte von Ihr im nächsten Ort ein Ferienhäuschen hätten, in der wir bestimmt auch eine Zeitlang wohnen könnten. Ich sprach mit den Ferienhausbesitzern und wir konnten umsiedeln. Doch hier mussten wir spätestens am Heiligabend wieder raus sein. Denn am ersten Weihnachtsfeiertag war das Häuschen schon wieder an Urlauber vermietet. Das war mir in dem Moment ganz egal. Hauptsache raus aus dem Wohnmobil. Zuerst fühlte sich unser Einzug ins Ferienhäuschen richtig gut an. Fast schon wie ein Zuhause, wenn da nicht schon ganz bald der Heiligabend vor der Türe gestanden hätte. Was sollte ich machen? Was, wenn wir bis dahin immer noch nichts gefunden hatten? Stand ich dann mit meiner Familie wirklich auf der Straße? 

Diese Ungewissheit machte mich mürbe

Des Abends weinte ich mich leise in den Armen meines Mannes in den Schlaf. Tagsüber war ich die Starke, die Taffe, die alles schafft und die Familie bei Laune hielt. Meine Laune überspielte ich mit Essen. Mit vielen Süßen Dingen, die mir für einen Moment das Leben versüßten. Doch leider nur für einen Moment. 

Am Abend saß ich wie so oft vor der Zeitung und dem Laptop und studierte den Immobilienmarkt. Eine alte Mühle, 89 Kilometer von uns entfernt, sollte verkauft werden. Das kam natürlich nicht in Frage. Doch die Telefonnummer des Verkäufers stand dabei und meine innere Stimme teilte mir mit: «Heike ruf da mal an.» Ich dachte: «Was soll es?»

Am Abend saß ich wie so oft vor der Zeitung und dem Laptop und studierte den Immobilienmarkt.
Am Abend saß ich wie so oft vor der Zeitung und dem Laptop und studierte den Immobilienmarkt. Photo by Pixabay

Ich erzählte diesem Mann, dass wir nicht kaufen, sondern nur etwas zur Miete suchen und die ganzen Hintergründe des Warums. Er war ganz leise am Telefon und dann traute ich meinen Ohren nicht als dieser Mann am Telefon sagte: «Wann wollen Sie sich denn unsere Mühle ansehen? Bringen Sie bitte ihren Mann mit, damit ich sie kennenlernen kann.» Wir einigten uns auf den kommenden Samstag. Es war der 15. Dezember. Nur noch eine kurze Zeit bis Heiligabend. Ich berichtete voller Begeisterung meiner Familie, meinen Eltern, dem Hund, der Katze und den Pferden von unserem bevorstehenden Besichtigungstermin.

Ich versprach allen, am Heiligabend wieder ein Zuhause zu haben

Doch nachts quälten mich meine Gedanken. Hatte ich jetzt doch zu viel versprochen? Wir hatten uns doch noch gar nicht mit dem Herrn bei der Mühle getroffen. Und so entschieden wir uns alle hinzufahren. 

Wir kamen zu einer sehr alten Mühle mit einem angrenzenden ehemaligen Gastronomiebetrieb aus den Siebzigern. Mein Vater war geschockt und meinte nur: «Dass ist ja fast nur noch für den Abriss.» Ich erwiderte nur: «Besser als kein Dach über dem Kopf.» Wir schauten uns alles an. Die Mühle, der Stolz des Eigentümers, betraten wir zuerst. Ich überlegte, was wir hieraus machen könnten und mir viel nichts ein.

Die Mühle hatte so was von Museum nur renovierungsbedürftig.
Die Mühle hatte so was von Museum nur renovierungsbedürftig. Photo by Pixabay

Dann gingen wir in die ehemalige Gaststätte. Da ich mal Köchin gelernt hatte, viel mir zur Gaststätte viel ein. Doch hier wohnen. Die Gaststube mit riesen Theke als Wohnzimmer? Die Freunde, die mit an der Theke stehen könnten 89 Kilometer weit weg. Seltsame Vorstellung. Die Kinder und mein Mann schauten mich mit großen Augen an. Klar war alles aus den Siebzigern. Doch wir hätten wir wieder ein Dach über dem Kopf. Ich zählte meiner Familie nur die Vorteile auf. Jeder ein Zimmer mit Dusche, WC und Waschbecken. Oma und Opa könnten uns besuchen und hätten sogar ein Gästezimmer. 

Ich malte die für uns, bescheidene Welt rosarot 

Dann gingen wir nach draußen und schauten uns die alte Scheune und den alten Kuhstall mit den angrenzenden Weideflächen an. Mein Herz ging auf, denn ich sah in die Augen meiner Tochter. Wir sahen uns hier schon wieder mit unseren Pferden. 

Alte Mühle mit Gastronomiebetrieb.
Alte Mühle mit Gaststätte. Photo by Pixabay

Ich fragte den Eigentümer, ob er sich vorstellen könnte uns dieses Objekt zu vermieten. Als Antwort hörten wir: «Ja, dass kann ich mir vorstellen. Doch der Verkauf besteht weiter. Sobald sich ein Käufer findet, müssen Sie sich mit diesem einigen. Das halten wir im Mietvertrag fest.» Nach meiner Frage, wann wir denn einziehen könnten, sagte der Vermieter nur: «Von mir aus sofort.»

Da war es, das Licht am Horizont

Ich hatte meiner Familie, meinen Eltern und unseren Tieren nicht zu viel versprochen. Günter mein Mann organisierte einen großen LKW mit dem wir unser noch vorhandenes Hab und Gut in unser neues Zuhause transportierten. Freunde halfen uns beim Umzug unserer Pferde. Irgendwie war ich glücklich ein neues Zuhause gefunden zu haben und doch total traurig, meine Eltern und Freunde in der alten Heimat zurückzulassen. Es war ein Gefühl von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt.

Weihnachten und das neue Jahr waren gerettet 

Am Heiligabend saß ich mit meiner Familie und meinen Eltern, dem Hund und der Katze unter dem Weihnachtsbaum in unserem neuen Zuhause. Die Pferde waren wieder dicht am Haus und die Welt war in Ordnung.

Für alles, was bis zu diesem Zeitpunkt für mich selbstverständlich war, dafür war ich nur noch dankbar.
Für alles, was bis zu diesem Zeitpunkt für mich selbstverständlich war, dafür war ich nur noch dankbar. Photo by Pixabay

Rückblickend gibt es immer einen Grund für das was geschieht. Doch gerne machen wir in Krisensituationen einfach die Augen zu, anstatt die Krise zu fragen, was sie mir denn mitteilen möchte. 

Ich war ein Mensch, dem Äußerlichkeiten wichtig waren. Wie zum Beispiel welcher Name stand in oder auf den Klamotten die wir trugen? Oder von welcher Firma war die Badezimmerarmatur? Von welcher Marke war die Uhr? Heute weiß ich durch eigene Erfahrung und Betroffenheit, dass es nicht wichtig ist, was ich trage, aus welchem Hahn mein Wasser kommt, welche Uhr ich trage oder in welchem Haus ich wohne. 

Heute ist mir wichtig, dass die Klamotten die ich trage zu mir passen. Das Wasser aus meinem Wasserhahn kommt. Das die Uhr mir die Uhrzeit anzeigt und ich mit meiner Familie ein Zuhause habe. Dafür bin ich so dankbar.

Wofür bin ich dankbar?

Schreiben Sie sich alles auf. Sie können die Dankbarkeitsliste auch gerne täglich fortführen. Ihnen wird so vieles bewusst, was Ihnen momentan nicht bewusst ist. Und vielleicht wiederfährt ihnen ja dann auch ein Weihnachtswunder, so wie mir.

Ich stehe Ihnen gerne mit meinen Erfahrungen zur Seite. Schreiben Sie mir eine E-Mail ho@mypfadfinder.com oder sprechen Sie mit mir am Telefon 02751 4279291

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein gutes neues Jahr.

Ihre Heike Ochel-Herwig

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